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Autistische Realität: Masking und Meltdown

30. Mai 2020
Juelz Zenner

Masking bedeutet, autistische Eigenschaften so gut es geht zu verbergen. Besonders bei Autist:innen, die spät diagnostiziert wurden, kann Masking so sehr verinnerlicht sein, dass es selbst in einem verständnisvollen Umfeld automatisch passiert. Mich kostet Masking sehr viel Energie und wenn dann noch zu viele äußere Reize auf mich einprasseln, kann es zum Overload mit Meltdown kommen. Mehr wissenschaftliche Infos zu Masking und Meltdowns werden wir in Kürze ebenfalls auf unserer Homepage und unserem Blog veröffentlichen. Ich möchte Euch hier zeigen, wie ein Vormittag, an dem mir das Masking und die äußeren Reize zu viel werden, aussehen kann.

Ich habe nur noch wenige Tage, Regale von meiner Wand zu nehmen.
Keiner der Bitaufsätze, die ich mir dafür ausgeliehen habe, greift.
Ich verstehe es nicht.
Mit jedem Versuch werde ich wütender und verzweifelter.
Ich will schreien.

Niemand darf etwas merken.

Meine Mitbewohnerin kommt und erzählt mir etwas.
Ich kann ihr nicht zuhören.
Es sind zu viele Informationen während ich doch mit etwas anderem beschäftigt bin.
Ich lasse es über mich ergehen.
Mit aller Kraft behalte ich meine Gefühle in mir.

Niemand darf etwas merken.

Endlich geht sie in die Küche und macht sich ihren täglichen Shake.
Das Geräusch des Mixers ist schmerzhaft für mich.
Ich spüre, dass ich es nicht mehr lange schaffe, den Schein zu waren.
Die Zeit läuft mir davon.
Ich weiß nicht, ob ich es noch rechtzeitig schaffe, mich zurückzuziehen.

Niemand darf etwas merken.

Mit letzter Kraft und in letzter Sekunde schaffe ich es, die Tür zu schließen.
Leise, nicht knallend.
Ich falle auf den Boden.
Meine rechte Faust schlägt immer wieder gegen meine Schläfe.
Lautlos schreie ich so laut ich kann.

Niemand darf etwas merken.

Ich muss zur Arbeit und schleppe mich ins Bad.
Zittere am ganzen Körper während ich mich wasche.
Putze mir weinend die Zähne.
Muss mich darauf konzentrieren, nicht zu hyperventilieren.
Ich schaffe es, ruhig genug zu werden, um die Wohnung zu verlassen.

Niemand darf etwas merken.

Eindrücke prasseln auf mich ein, sie sind kaum auszuhalten.
Wieder laufen mir Tränen über die Wangen.
Die emotionale Belastung spüre ich an meinem ganzen Körper.
Es erfordert so viel Kraft, nicht auf offener Straße zusammenzubrechen.
Ich muss es in Büro schaffen.

Niemand darf etwas merken.

Bis dahin muss ich mich wieder unter Kontrolle haben.
Ich komme im Büro an und falle erschöpft auf den Teppich im Eingangsbereich.
Stelle mich darauf ein, zu kommunizieren.
Ich will freundlich zu meinen Kolleg*innen sein.
Ich vermeide es, die Frage nach meinem Befinden zu beantworten.

Niemand darf etwas merken.

Ich konzentriere mich auf meine Aufgaben.
Das ist leichter, als mich in riskanten privaten Austausch zu begeben.
Kurz bevor ich gehe, denke ich, ich könnte es doch kurz schaffen.
Ich möchte einer Kollegin zeigen, dass ich sie mag und mich für sie interessiere.
Ich stelle ihr eine Frage, die sie fröhlich ausführlich zu beantworten beginnt.
Es sind zu viele Informationen, sie überwältigen mich.

Niemand darf etwas merken.

Aber ich kann nicht mehr.
Es ist zu viel.
Panisch suche ich nach einem Ausweg.
Ich unterbreche sie und bitte um eine kurze Antwort.
Ich habe versagt.

Jemand hat etwas gemerkt.